
Grußwort für den Wettbewerb stickstich 011
Sticken – ein Handwerk, eine Kunst, Hightech von heute und von morgen! Ausgehend von den großen Traditionen hochkomplexer Textilkunst in Sachsen und besonders im Vogtland, ausgestattet mit allen Möglichkeiten moderner Ästhetik und Technologie, tun sich Wirkungsfelder für die Schöpferkraft auf, in denen sich die Faszination überkommener Techniken ganz neu definiert. Textilgestalterinnen und Designer können hier manchen Stich machen, können tief ins Gewebe unserer Zeit dringen und kühne Entwürfe umsetzen. Der Wettbewerb stickstich 011 regt an, sich mit einem unerwartet vielseitigen Genre auseinanderzusetzen. Seien es verträumte Spielereien, sei es Pracht oder Intellekt, sei es alltagstaugliches Design – das Sticken kann beweisen, dass es Trends setzen kann.
Denn: Warum wird gestickt, in vielen Epochen und Kulturen der Menschheitsgeschichte? Kaum hatte unser Vorfahr die notwendigsten Bedürfnisse gedeckt, den Schutz gegen Kälte und Blöße etwa, kam er auf den Gedanken, sich zu schmücken. Schmücken durch Sticken, das ist kein bloßer Übermut. Der Faden, der durch das Gewebe dringt, verschlungene Wege hin und her geht, folgt auch der Suche des Menschen nach allem, was vor und hinter der Oberfläche ist. Er erobert Material und Farbe und Charakter. Spiel ist dabei, im Sinne Schillers: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Was steckt nicht alles im scheinbar „bloß“ schmückenden Beiwerk: Machtakzente eines kirchlichen Würdenträgers oder eines chinesischen Kaisers; die Zugehörigkeit zu einer Familie, einem Dorf, einem Stamm; die Behauptung von Individualität; die Definition eines militärischen Dienstgrades oder einer Sportmannschaft; das Werben um den Einen, die Eine …
Der Wettbewerb stickstich 011 gibt Gelegenheit, mit all diesen Ideen wiederum zu spielen. Oder auch, ganz neue zu denken und zu verwirklichen. Schöpferische junge Textilkünstlerinnen und -künstler sind aufgerufen, zur Sticknadel zu greifen – oder zu ihren hochtechnologisierten Äquivalenten – und eine neue, die „dritte Dimension“ des Stickens zu erobern.
Sabine von Schorlemer

Staatsministerin von Schorlemer
(© Foto: Frank Grätz)